Good Type Teil 5: Gute Schrift ist wie eine Familie

Good Type ist eine 10-teilige Videoserie mit Erläuterungen, die eine einfache Frage beantworten möchte: Was macht gute Schriften … gut? Die Reihe bietet tiefere Einblicke ins Schriftdesign um Kreativen dabei zu helfen, die passende Schrift für ein aktuelles Projekt zu wählen. Lesen Sie auch Teil 1, 2, 3 und Teil 4 falls noch nicht geschehen.

Ein gutes typografisches System ist wie eine Familie – jedes Familienmitglied ist einzigartig und so gilt es auch für Schrift. Bei der Arbeit mit Display-Schriften konzentriert man sich meist nur auf eine oder wenige Schriftarten. Schriftfamilien hingegen umfassen verschiedene Schriftsätze, die in unterschiedlichen Umgebungen für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden und jeweils eine ganz eigene Wirkung erzielen. Für das Branding sind diese Systeme unerlässlich: Hier müssen Schriften an verschiedenen Touchpoints verschiedene Zwecke erfüllen.

Eine Familieneinheit umfasst mindestens vier Schriftschnitte und bietet alles, was zum Formatieren eines Dokuments erforderlich ist: Normal, Kursiv, Fett und Fettkursiv. Viele Schriftgestalter müssen jedoch noch einen Schritt weiter gehen und mit größeren Familien arbeiten, die in der Regel 10–20 Variationen umfassen. So ist es möglich, die Schriften bei Bedarf leicht anzupassen und dennoch eine einheitliche Sprache und Identität zu gewährleisten. Diese Art der Flexibilität ist für die Ausarbeitung kleinster typografischer Details oder für die Erstellung von Variationen zwischen Überschriften und Zwischenüberschriften unerlässlich.

Solche Familiensysteme erfreuen sich seit einigen Jahren immer größerer Beliebtheit. Sie unterscheiden sich insofern von herkömmlichen Schriftfamilien, als ihre Struktur allein auf dem Konzept der Schrift beruht. Ein gutes Beispiel ist die Schrift Posterama von Monotype-Designer Jim Ford, die acht Varianten in je sieben Schriftstärken bietet, die allesamt von Ereignissen, Bewegungen und der Typografie des 20. Jahrhunderts beeinflusst wurden. Die Schrift Rosella von Sabina Chipară ist eine weitere kreative Interpretation einer typografischen Familie: Die sechs Schnitte lassen sich überlagern, sodass immer wieder neue Kombinationen entstehen. Diese Familiensysteme sind verspielt und ausdrucksstark – vor allem aber nehmen sie Designern und Kunden viele Entscheidungen ab.

Das umfassendste typografische System ist die Superfamilie, die häufig 40 oder mehr Schriftschnitte beinhaltet. Die Erfindung der Superfamilie wird oft Adrian Frutiger zugeschrieben, der die Schrift Univers als kompletten Baukasten für kommerzielle Designer entwarf. Eine ihrer besonderen Stärken ist die flexible Anpassung von Strichstärke und Laufweite.

»Für die Grafikdesigner war wichtig, dass beim Einpassen in den verfügbaren Platz das Gesamtbild trotz unterschiedlicher Schriftschnitte einheitlich bleibt«, erklärt Jamie Neely, Director of Product Design bei Monotype. »Die Schrift sieht in jeder Variante aus wie Univers und der Gesamteindruck bleibt immer homogen.« Superfamilien bergen ein enormes Potenzial und angesichts der steigenden Ansprüche an Schriftarten spielen sie im Alltag der Designer eine zunehmend größere Rolle. Sie gewährleisten ein einheitliches Schriftbild und sind gleichzeitig für den Einsatz in verschiedensten Umgebungen geeignet.

Aufgrund der steigenden Popularität werden auch beliebte Schriften zu umfassenden Systemen ausgebaut, um ihre Einsatzmöglichkeiten zu erweitern. Ein gutes Beispiel dafür ist DIN, die ein ganzes Jahrhundert lang erfolgreich war, obwohl sie nur in zwei Schnitten vorlag. Sie wurde kürzlich zur Schriftfamilie DIN Next erweitert, zu der die Varianten DIN Next Slab, DIN Next Stencil, und DIN Next Rounded gehören. Trotz der Weiterentwicklung hat die Schriftart auch in den neuen Varianten ihren ursprünglichen Charakter beibehalten.

Bei der Konzeption und Planung einer Superfamilie müssen Designer in erster Linie darauf achten, dass die DNA der Schriftart in den verschiedenen Klassifizierungen und auch in anderen Sprachen erhalten bleibt. »Das macht den Wert der Superfamilien aus – für mich gehören sie zu den wertvollsten Optionen in der Typografie«, fügt Neely hinzu.

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unseren kommenden Good Type Beiträgen. Das Video wurde live auf der Adobe Max 2017 aufgenommen.