Creative Characters S2 E13: Mindy Seu: 30 Jahre Cyberfeminismus – eine Bestandsaufnahme.

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Ich glaube, dass der Mensch von Natur aus ein Sammler sind. Wir alle heben jede Menge Sachen auf. Und wenn wir darüber nachdenken, was man damit machen kann oder wie wir diese Dinge miteinander verknüpfen, kann daraus etwas Neues und echt Sinnvolles entstehen.

Mindy Seu.

Im Podcast Creative Characters sprechen wir mit kreativen Menschen, die an der Schnittstelle zwischen Schrift und Kommunikation arbeiten. Sie können die aktuelle Episode ganz unten auf dieser Seite starten, oder auf AppleSpotifyGoogle Podcasts, oder überall, wo gute Podcasts angeboten werden.

Heute begrüßen wir Mindy Seu, eine in New York lebende Designerin, Forscherin und Dozentin an den Universitäten Rutgers und Yale. Seu hat kürzlich den Cyberfeminism Index fertiggestellt, ein Buch, das mehr als 700 kurze Einträge zum Thema radikaler, technikkritischer Aktivismus auflistet. Schalten Sie sich ein, um von Seu persönlich zu erfahren, wie sie zum Cyberfeminismus kam und wie ihr Buch entstanden ist.

Das World Wide Web erforschen.

Der Besuch verschiedener Media-Design-Kurse an der UCLA veranlasste Mindy Seu, ihr Interesse von der Betriebswirtschaft aufs Design zu lenken. Nach ihrem Abschluss siedelte sie nach New York um, wo sie sich für eine Typografie-Sommerschule einschrieb. Dies war der Startschuss für ihre Designkarriere, in deren Verlauf sie unter anderem im hauseigenen Designstudio des Museum of Modern Art und im Team für interaktive Medien bei 2×4 arbeitete.

Seu beschreibt die Zeit bei 2×4 als eine Erweiterung ihrer Arbeit im Bereich Interface-Studien. „Hier habe ich gelernt, dass es bei der Benutzerführung nicht allein darum geht, wie man sich auf dem Bildschirm bewegt. Vielmehr spielen die Umgebung und die Situation, in der man sich gerade befindet, eine entscheidende Rolle dabei, wie man mit der digitalen Schnittstelle interagieren möchte.“

In der Zwischenzeit arbeitete sie an ihren eigenen webbasierten Archivprojekten weiter und beschloss, dass es an der Zeit sei, das World Wide Web an der Harvard Graduale School of Design, Studiengang Master in Design Studies, intensiver zu erforschen.

„Ich hatte die Unterstützung des Studios, um meine eigenen Projekte durchzuführen. Aber ich brauchte mehr Zeit für all die anderen Dinge, um Inhalte weiter zu entwickeln und natürlich auch, um mehr Leuten aus dem Designbereich zu begegnen.“

Einmal Internetnutzer, immer Internetnutzer.

Seu betont, dass sie das Internet nutzt, so lange sie denken kann. Sie hat sich selbst das Programmieren beigebracht und später ein Studium am  Berkman Klein Center for Internet & Society in Harvard absolviert. Dort lernte sie das Netz aus der Perspektive von politischen Entscheidern, Aktivisten und Menschen kennen, die Veränderungen in Online-Räumen herbeiführen möchten.

„Oft sind es die Künstler, die Dinge vorantreiben, die nur schwer durch Vorschriften geregelt werden können. Wenn ein solcher Prozess in der Öffentlichkeit die notwendige kritische Masse erreicht hat, können die Erkenntnisse in Gesetze umgesetzt werden. Mir gefällt, wie beide Kräfte in dieselbe Richtung gehen, aber zeitlich versetzt.“

Cyberfeminismus.

Die Bewegung des Cyberfeminismus zu definieren, ist nicht einfach. Das Manifest 100 antitheses, eines der ältesten cyberfeministischen Kreationen, liefert 100 Definitionen dessen, was er nicht ist. Nicht zu definieren, was etwas ist, ist der Versuch, so offen wie möglich an eine Sache heranzugehen.

Laut Seu begann der Cyberfeminismus als Kritik an einem Internet, das aus der Perspektive des männlichen Blicks entwickelt wurde. Dabei geht er über Sci-Fi-Femme-Bots hinaus, um Platz für neue Formen der Online-Identität zu schaffen. Heute umfasst die Bewegung auch Gespräche über Rasse, Politik und Gender-Fluidität.

„Nach meiner Definition geht es um Rückkopplungsschleifen. Man nutzt also nicht nur die Technologie, um den Feminismus zu verbreiten, sondern übt gleichzeitig Kritik an der Technologie, indem man sie nutzt.“

Seu hat ihre Website mit dem Cyberfeminism Index ins Netz gestellt, um so viele cyberfeministische Ressourcen und Referenzen wie möglich zu archivieren. Sie veröffentlichte unter dem gleichen Titel ein Buch, das eine Auswahl von über 700 Einträgen und Auszügen von 1991 bis heute enthält. Jeder Eintrag ist mit Querverweisen versehen, sodass die Leserinnen und Leser zu verwandten Einträgen springen und ihren eigenen „Lernpfad“ des Wissens finden können. Die komplette Geschichte zur Veröffentlichung des Buchs erfahren Sie in unserem Podcast.

 

Die Kraft des Sammelns.

Als jemand, der schon immer gerne recherchiert hat, ist die Erstellung eines Indexes genau das Richtige für Seu. Sie betrachtet Ursula K. Le Guins Buch „The Carrier Bag Theory of Fiction“ (deutsche Ausgabe: Die Tragetaschentheorie der Fiktion) als eine der entscheidenden Inspirationen für ihre Arbeit.

„Le Guin vertritt die Ansicht, dass die erste technische Erfindung nicht der Speer, sondern der Korb war. Diese These verändert nicht nur unsere Technologiegeschichte, sondern auch das Rollenverhalten vom „Er“ zum „Wir“. Plötzlich haben wir es nicht mehr mit einem Werkzeug der Dominanz zu nutzen, sondern mit einem Werkzeug des Teilens.“

Das Konzept des Sammelns und Teilens zieht sich wie ein roter Faden durch Seus Arbeit und ihr Leben, ob sie nun den Cyberfeminismus-Index ergänzt oder Listen mit Reisezielen für kommende Urlaube erstellt. Sie hält das Sammeln für eine hilfreiche Methode, um Ideen festzuhalten und irgendwann darauf zu reagieren.

„Meiner Ansicht nach ist die Idee des Urlaubs ebenfalls unter dem Oberbegriff des Sammelns zu verstehen, wobei es nicht um materielles Sammeln, sondern um soziales Sammeln geht. Das Sammeln ist für sich genommen wichtig, aber es wird wertvoller, wenn man es im Diskurs und in der Gemeinschaft mit anderen Menschen teilt.“

Danke fürs Einschalten! Um zu verfolgen, woran Mindy Seu gerade arbeitet, schauen Sie auf Instagram nach oder besuchen Sie ihre Seminarseite mit einer Liste der kommenden Kurse. Und: bestellen Sie das gerade erschienene Cyberfeminismus-Index-Buch.

Écoutez l'épisode:

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