Was sind optische Größen und warum sind sie heute so wichtig?

Von der überdimensionalen Fassadenwerbung in der City bis hin zum Mikrotext auf unserem Smartphone.

Eine der jüngsten Neuheiten aus dem Monotype Studio, Helvetica® Now, bietet die drei optische Größen Mikro, Text und Display, wodurch sich die Einsatzmöglichkeiten von Helvetica dramatisch erweitern. Optische Größen waren zu Zeiten des Bleisatz praktisch Standard, gerieten aber in den ersten beiden Jahrzehnte des digitalen Schriftdesigns fast in Vergessenheit. So ist es kein Wunder, dass diese nützliche Technik selbst Designprofis kaum bekannt ist.

Situationsspezifische Typografie

Als „Optische Größen“ bezeichnet man im Typedesign die Praxis, Schriftzeichen für definierte Textgrößenbereiche unterschiedlich zu gestalten. Tatsächlich erleben wir eine Helvetica-Schlagzeile auf einem Großflächenplakat anders, als auf dem Smartphone oder in einer Zeitungsspalte. Die optische Anpassung einer Schrift für unterschiedliche Textgrößen kompensiert Wahrnehmungsunterschiede, zum Beispiel mit Änderungen beim Strichstärkenkontrast und beim Zeichenabstand. Lange Zeit war es üblich, Schriften in einer optischen Kompromissgröße zu entwerfen (Single Master) und zu hoffen, dass sie über alle Textgrößen gut lesbar funktioniert.

Helvetica Now optical sizes

The optical sizes in Helvetia Now enable it to unction flawlessly in a range of applications, from large, eye-catching display text to hyper-legible micro type.

Bei der Neuveröffentlichung der klassischen Serif-Familie Walbaum fürs digitale Zeitalter, malte Monotypes Design Director Charles Nix folgendes Bild: „Stellen wir uns mal vor, dass die Proportionen 10-Jähriger als die perfekte menschliche Form definiert würden, und Babys wie verkleinerte Teenager aussähen und Erwachsene wie deren Vergrößerung. Babys sind aber zum Glück keine Miniaturen 10-Jähriger, und so sollte eine 5-Punkt-Schrift auch keine Verkleinerung einer 12-Punkt-Schrift sein.“

In der Zeit vor dem Type-Design am Computer passten die Schriftgestalter ihre Entwürfe für jede Größe einer Schrift an, um stets die beste Lesbarkeit zu erzielen. Kleinere Schriftgrade erforderten größere Buchstaben-Innenräume und mehr Zeichenabstand. Groß gesetzte Headlines dagegen profitieren von Buchstabenkontrast und -details. Als die ersten Schriften am Computer entstanden, setzte sich die praktische Single-Master-Methode, und One-Size-Fits-All wurde zur Norm.

Was ist normal?

Weil wir wissen, dass es die Größe für alles nicht gibt, überarbeiten und entwerfen immer mehr Schriftenhäuser ihre Fonts mit größenabhängigen Feinheiten, um die Makellosigkeit eines Text-Designs zu erhalten.

Obwohl es bei der Gestaltung und der Beurteilung von Schrift vor allem um deren Form(en) geht, bewege sich die Konzeption optischer Größen zwischen Kunst und Wissenschaft, betont Nix.

„Es erfordert nicht nur unsere Sensibilität für Formen und Zwischenräume“, sagt er. „Verbesserungen werden erst durch Beobachtung, Hypothesen und Experimente erreicht. Es geht um Studieren, Probieren und Verfeinern – ein iterativer Designprozess.“

Für Nix stehen ganz am Anfang Fragen: „Was ist eigentlich normal? Ich frage mich das jedes Mal, wenn ich eine Schrift mit optischen Größen entwerfe. Es klingt nach einer existenziellen Krise, denn Designs für sehr kleine Texte müssen den gleichen Eindruck wie bei normaler Textgröße ergeben. Und Entwürfe für größere Größen müssen das Normale so verfeinern, dass sie der Überprüfung durch eine Großaufnahme standhalten. Was ist normal? Es ist die Essenz dessen, was Design erreichen möchte – sein Ethos.“

 
Was ist normal?“ fragt Nix. „Es ist die Essenz dessen, was Design erreichen möchte – sein Ethos.

Bei der Überarbeitung der Helvetica, einer vor über 60 Jahren veröffentlichten Familie, blieb das Monotype-Team der ursprünglichen Absicht treu: eine Schrift, die Klarheit, Einfachheit und Neutralität bietet. Das Ergebnis, Helvetica Now, ist eine für die heutigen Bedürfnisse angepasste Helvetica. Die Familie besteht aus 48 Schriften mit den drei optischen Größen Display, Text und Micro, die auf kleinen und großen Bildschirmen genau so überzeugen wie im Klein- und Großgedruckten. Oder wie Nix sagt: „Sie funktioniert einfach, in allen Anwendungsbereichen: von der überdimensionalen Fassadenwerbung in der City bis hin zum Mikrotext auf unseren Smartphones.“

Auch die Display-Schnitte, gedacht für Punktgrößen über 14, wurden neu gezeichnet, wobei die Feinheiten in den Buchstaben erhalten blieben und  deren Spationierung für Headlines optimiert wurde. Die Text-Version, gedacht für 8 bis 12 Punkt, wurde so optimiert, dass sie den Anforderungen an die Lesbarkeit von Mengentext gerecht wird. Die Striche sind robust, der Kontrast reduziert und die Abstände luftig, was zu einem angenehmen Lesen führt. Die Palette der Strichstärken erlaubt feinstes Informations- und Editorial-Design.

Die Mikro eignet sich für Kleingedrucktes zwischen 3 und 7 Punkt, sowohl auf Papier als auch für Retina-Screens. Die Lettern sind vereinfacht und übertrieben gestaltet, um das Gefühl von „Helvetica“ zu bewahren; der Zeichenabstand ist extrem großzügig – ein wesentliches Merkmal für hyperlesbare Mikrotexte.

Warum das wichtig für Marken ist

Optische Größen schaffen ein besseres Nutzererlebnis, erleichtern das Lesen und Verstehen und sorgen für Vielseitigkeit, Zugänglichkeit und Flexibilität. Dies ermöglicht es Marken, schnell und effektiv mit ihrem Publikum in einer unbegrenzten Bandbreite von Medien zu kommunizieren, ohne ihre visuelle Identität zu untergraben.

Vom Plakat bis hin zu In-App-Erlebnissen sind Stil und Lesbarkeit entscheidend. Markenbotschaften müssen in einem wettbewerbsintensiven Umfeld einwandfrei funktionieren. Jedes Hindernis für die Lesbarkeit oder Stilpatzer sind ein Zeichen gegen die Marke. Optische Größen funktionieren nicht nur besser, es sieht auch besser aus.

Um Helvetica Now jetzt auszuprobieren oder einen kostenlosen Schriftschnitt herunterzuladen, besuchen Sie die Helvetica Now-Seite.

Das Studio-Team.

Charles Nix.

Charles Nix

Charles Nix ist Designer, Typograf und Dozent sowie aktuell Type Director beim Monotype Studio. Er entwarf eine Reihe beliebter Schriften für die Monotype Library, darunter Walbaum und Hope Sans, die beim 22. Type Directors Club Wettbewerb ein „Certificate of Typographic Excellence“ erhielten. Er hat auch Auftragsarbeiten für Google Noto, Progressive Insurance und das Philadelphia Museum of Art ausgeführt.