Von Neue zu Now: Wie Helvetica ins 21. Jahrhundert einzog

Sechs Jahrzehnte sind seit der Geburt von Helvetica vergangen, und bis heute ist die Familie für viele die erste Wahl, wenn es um klare und neutrale Typografie geht. Gleichwohl sind die Anforderungen an diese Schrift – und das gilt für viele Klassiker – in den letzten beiden Jahrzehnten enorm gestiegen. Die legendäre Schweizer Sachlichkeit von Helvetica muss sich heute in einer Vielzahl von Umgebungen und einem breiten Spektrum von Textgrößen entfalten, was zuletzt nicht immer perfekt gelang.

Viele Designer und Agenturen haben sich mit der Neuen Helvetica arrangiert, die 1983 herauskam. Doch auch sie ist ein Kind des analogen Zeitalters. Hier sind vier Gründe, warum der Moment gekommen ist, zur digital geborenen Helvetica Now zu wechseln.

Die Größen

Helvetica Now bietet erstmals optischen Größen, nämlich Mikro, Text und Display, die eigens für Kleingedrucktes, Lesetexte und Headlines entwickelt wurden … während die Neue Helvetica vor allem für die Nutzung als Textschrift gezeichnet und spationiert wurde. Wer Plakate und Leitsysteme entwickelt wird sich über die neue Display-Version freuen, die für das Setzen großer Texte spationiert wurde: eine lupenreine Helvetica, aber mit mehr Souveränität und Sicherheit, und dem Potenzial für Experimente und Individualisierung (durch Alternativzeichen).

Wer sich mit der Lesbarkeit von Mengensatz beschäftigt, egal ob gedruckt oder digital, kann sich auf Helvetica Now Text freuen, ein Arbeitstier, mit robuster Architektur und großzügigen Metriken.

Die Micro-Version stellt eine herausragende neue Eigenschaft von Helvetica dar und löst ein Problem, dem die Schrift seit langem hilflos gegenüber stand: Kleingedrucktes. Während Neue Helvetica bei kleinen Textgrößen an ihre Grenzen kommt, seien es Fußnoten, Tabellen oder Fließtext auf einem Tablet, läuft die Micro hier zu Hochform auf. Einfache Lettern mit teils übertriebenen Details erhalten das Helvetica-Schriftbild im Bereich von 4 bis 8 Punkt, während die große Mittellänge und eine geräumige Spatinierung die Lesbarkeit bei mikroskopischen Größen und/oder bei niedrigauflösenden Umgebungen gewährleistet.

Die drei optischen Größen wurden konsequent unter Berücksichtigung der späteren Nutzung entwickelt und exakt auf die hier gültigen Anforderungen abgestimmt. Das bedeutet für die Benutzer, anders als zu Zeiten von Neuer Helvetica, dass alle Schnitte sofort gebrauchsfertig sind, ohne manuelle Eingriffe oder typografische Tricks.

Die Zeichenpalette

Helvetica Now wurde als kompletter Werkzeugkasten konzipiert, der es erlaubt, die ausdrucksstarke Seite des Schriftklassikers abzurufen. Darüber hinaus bietet die Schrift in allen Schnitten eine Reihe optionaler Alternativzeichen, die der Klarheit des Designs folgen und es den Benutzern trotzdem erlauben, dem Helvetica-Schriftbild eine individuelle Tönung zu geben.

Sonderzeichen und Symbole erweitern die Einsatzgebiete von Helvetica, zum Beispiel positive und negative eingekreiste Ziffern oder die zur Helvetica passenden Pfeile, die man sich früher von anderen Schriften ausleihen oder zusätzlich erstellen musste. Die über 800 Zeichen sind in allen Helvetica Now Strichstärken und -Stilen enthalten und verleihen der Familie ein ungeahnte Flexibilität und Einsatzvielfalt.

Die Details

Helvetica Now ist mehr als eine Aktualisierung oder ein Update. Das Designteam im Monotype Studio startete zunächst mit den ursprünglichen Entwürfen, überprüfte und überarbeitete dann jedes Zeichen der Familie und fügte anschließend Modifikationen hinzu, die zum Teil bereits vor Jahrzehnten vorgenommen wurden. Altbekannte Probleme, wie der leicht mit dem Großbuchstaben I zu verwechselnde Kleinbuchstabe l, wurden mit einer (optionalen) Halbserife gelöst, die das Lesen kleinerer Texte verbessert. Weitere Neuerungen sind ein aktualisiertes @, runde Akzente und Satzzeichen, ein G ohne Abstrich, ein R mit geradem Bein, das geschlossene a und der Kleinbuchstabe u ohne Abstrich … alle optional einstellbar und kombinierbar.

Obwohl jede Erweiterung einen größeren Nutzen bringt, verglichen mit den Vorgängern, stellt Helvetica Now gleichwohl eine Rückkehr zum ursprünglichen Ethos und Geist von Helvetica dar. Das Designteam von Monotype unterwarf sich bei der Neugestaltung einer strengen Selbstverpflichtung mit dem Ziel, jeden Buchstaben nur so zu verfeinern, dass er der Klarheit, Einfachheit und Neutralität von Helvetica mehr dient als schadet.

»Wenn man Helvetica Now mit den ursprünglichen Entwürfen vergleicht, ist sie um eine Klasse besser lesbar, was viel weniger mit den Buchstabenformen als mit deren Zurichtung zu tun hat.« betont der Monotype Type Director Charles Nix. »Tatsächlich ging es vor allem darum, die Räume zwischen den Buchstaben zu studieren und herauszufinden, nach welcher Methodik sie früher funktionierten, wie sie der Schrift ihre Qualität gaben, dies dann zu reproduzieren und dort mit den Verbesserungen anzusetzen.«

Es ist nicht das, was man erwartet

Helvetica ist wahrscheinlich die bekannteste Schriftart, und als solche weckt ihr Design starke Emotionen, sowohl bei typografischen Gestaltern als auch bei Lesern. Und so wird Helvetica Now unsere Wahrnehmungen in Frage stellen. Sie greift einerseits den ursprünglichen Geist des Originals auf, eröffnet aber ein neues Kapitel ihrer Geschichte.

Wer mit der Neuen Helvetica vertraut ist wird feststellen, dass Helvetica Now ein komplett neues Modell ist: größer, ausdrucksstärker und mit viel Potenzial zum Experimentieren. Die allseits geschätzte Neutralität des Originals ist erhalten geblieben, hinzu kommt die Möglichkeit, einen neuen, eigenen Tonfall zu finden. Mit den acht Alternativzeichen alleine lassen sich rein rechnerisch 8! = 40.320 individuelle Helvetica-Varianten erstellen.

»Wir haben ein neues Kapitel zum Helvetica-Kanon hinzugefügt, das es den Designern des 21. Jahrhunderts ermöglichen wird, etwas völlig Neues zu schaffen. Wir haben ein wertvolles Erbe sorgfältig erweitert, so dass seinem Fortbestand nichts mehr im Weg steht.« sagt Charles Nix.