Von TrueType GX zu variablen Fonts, Teil 1

Als „alter Hase“ im Fontdesign-Business war Tom Rickner an den spannendsten Entwicklungen im Schriftdesign der letzten Jahrzehnte beteiligt.

Bei der ATypI-Konferenz im August 2016 im polnischen Warschau standen vier Unternehmen aus der Welt der Typografie, Fonts und Font-Technologie unerwartet als Kollegen auf der Bühne. Die Rede ist von Apple, Microsoft, Adobe und Google. Gemeinsam gaben sie die Einführung von OpenType 1.8 bekannt, einem Update des mittlerweile allgegenwärtigen Font-Standards, der ursprünglich als Verbindung aus den Schriftformaten TrueType und PostScript von Apple und Microsoft beziehungsweise Adobe entstanden war.

OpenType 1.8 eröffnet Fontdesignern, Typografen und App-Entwicklern Unmengen neuer Möglichkeiten, und zwar auf allen gängigen Betriebssystemen. Wer sich noch an die Multiple-Master-Technologie von Adobe erinnert, wird feststellen, dass diese nur einen Bruchteil dessen abdeckte, was der neue OpenType-Standard zu bieten hat.

Die Ankündigung war in vielfacher Hinsicht einzigartig und viele Medien haben in den letzten Monaten darüber berichtet. Für mich persönlich war die Bekanntmachung nicht nur das Ergebnis monatelanger Meetings, privater Diskussionen und der Zusammenarbeit von Branchenkollegen. Sie war die Neuauflage eines meiner ersten Fontsoftware-Projekte vor rund 25 Jahren.

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren arbeitete ich im TrueType-Team von Apple und war ein Mitglied der Entwicklergruppe, die das revolutionäre Betriebssystem System 7 für Macintosh herausbrachte. Damals, in der Zeit nach Sculley und vor der Rückkehr von Steve Jobs, prophezeiten Brancheninsider Apple noch regelmäßig den Untergang. Seitdem sind viele der damals geschriebenen Codes vom heutigen Mac OS und damit auch vom Systemkern, von den Grafikbibliotheken, Druckertreibern und Softwarepaketen verschwunden. Doch es gibt einen Standard, der bis heute überlebt hat: TrueType. Und mit ihm viele Schriften, an denen ich mitgearbeitet habe.

Schrift sollte ein Teil des Computers selbst sein und nicht nur ein Zusatz.

Als Apple 1989 bekanntgab, ein Schriftformat auf Systemebene entwickeln zu wollen, stieß die Nachricht weder bei Anwendungsentwicklern noch bei Nutzern auf Begeisterung. Denn viele von ihnen hatten sich mit ihren wachsenden Fontbibliotheken unter anderem von Adobe, Bitstream, Compugraphic, Linotype und Monotype angefreundet. Der Vorstoß von Apple als neuer Wettbewerber am Markt stieß vor allem Adobe vor den Kopf. Schließlich hatte seine Seitenbeschreibungssprache PostScript entscheidend zum Erfolg von Macintosh in puncto Desktop-Publishing beigetragen. Als Apple dann seine Adobe-Aktien verkaufte und TrueType, zuvor Royal, bekanntgab, war dies der erste Angriff im sogenannten Font-Krieg.

Einige bezweifelten damals noch, dass Apple sich von John Warnocks Unternehmen trennen würde. Kein Wunder, schließlich kam die Idee, Outline-Fonts ins Betriebssystem zu integrieren, damals einer Revolution gleich. Bei Apple war es die Visionärin und TrueType-Teamleiterin Kathryn Weisberg, die davon überzeugt war, dass, wie Matthew Carter es einmal formulierte, die Schrift ein Teil des Computers selbst sein sollte und nicht nur ein Zusatz. Ein Prinzip, das wir heute für selbstverständlich halten.

In all dieser Zeit war Adobe nicht untätig. Gerade einmal zwei Monate vor der Auslieferung des TrueType-fähigen System 7 von Apple kündigte Adobe Multiple Masters an. Das Konzept: Der Designer zeichnet die Endpunkte der jeweiligen „Variationsachsen“ − hier in Schwarz − und der Anwender kann innerhalb dieses vorgegebenen Spektrums beliebige Zwischenstufen der Schriftart generieren, so wie hier in Blau angezeigt.

Die Idee von Adobe, oder besser gesagt von Director of Typography Sumner Stone, Outline-Fonts zu interpolieren und so Schriften mit anderen Strichstärken und Stilen zu generieren, war nicht neu. In den 1970er Jahren hatte Peter Karow ein solches Konzept bereits in der Ikarus-Technologie für URW umgesetzt. Spannend und brandneu war jedoch die Idee, die Funktion in die Rendering-Engine zu integrieren. Ich glaube, für das TrueType-Team von Apple war diese Nachricht ein schwerer Schlag.

Mitglied des Teams war auch Mike Reed, der die Font-Werkzeuge und den Glue Code für TrueType entwickelte. Von ihm stammte der TrueType Font-Editor RoyalT, mit dem man TrueType Fonts erstmals sehen und programmieren konnte. Vor allem aber war Mike die gute Seele des Teams − immer optimistisch und kreativ, und es hat einfach Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten.

Als wir uns Multiple Masters genauer anschauten, stellten wir fest: Adobe zeichnete und speicherte die Daten nicht für den primären oder Standardfont der Schriftfamilie. Vielmehr ging die Interpolation von den Extremwerten aus, das heißt der Designer musste, wie das Bild weiter oben zeigt, die äußersten Varianten zeichnen, die sozusagen die Eckpunkte der möglichen Designspektrums bestimmten. Mike hatte dann die Idee, dass es sinnvoller wäre, von der Standardschrift, beziehungsweise anderen bereits existierenden Strichstärken, auszugehen. In unserem Fall hatte das den großen Vorteil, dass diese bereits in TrueType programmiert waren, sodass alle im Team dem Ansatz zustimmten.

Zuerst versuchten wir Variationen einer Standardschrift über die TrueType-Anweisungen selbst zu generieren. Die Idee dahinter: Die meisten Merkmale, innerhalb derer wir Varianten erzeugen wollten − wie Normal und Fett, Normal und Schmal − waren in den Anweisungen für die Schriftstärken der Stämme, Serifenlängen und -stärken, Höhen, Ausrichtung usw. enthalten. So konnten wir zwar Schriftstile generieren, die fetter oder schmaler waren. Doch Verbesserungen an der Form, wie sie die Designer unter uns immer wieder umsetzen wollten, ließ TrueType nicht zu.

Schließlich kam Mike die Idee der Delta-Hints. Einzigartig an dieser TrueType-Anweisung ist die beliebige Richtungsorientierung, das heißt der Befehl funktioniert nicht nur in X- oder Y-Richtung, sondern parallel oder senkrecht zu jedem Punkt auf der Glyphenkontur sowie in anderen errechneten Winkeln.

Als Mike dieses Konzept anwendete, um unsere gewünschten Varianten zu generieren, wurde ihm klar, dass die unterschiedliche Lage eines Punktes in einer fetten Schrift im Vergleich zur Normalschrift mit einem Vektor beschrieben werden konnte. Und Vektoren sind addierbar. Wenn Vektoren also die Variation eines Zeichens in einem Kartesischen Koordinatensystem beschreiben und die Designachsen ebenfalls im Kartesischen System betrachtet werden, so lassen sich Variationen addieren.

Dieser neue Ansatz, Konturen zu speichern, die ein ganzes Designspektrum abbildeten, hatte unglaubliches Potenzial und räumte einige Einschränkungen, die das Konzept von Adobe aufwies, aus dem Weg. Spitzentechnologie allein reicht jedoch manchmal nicht für den Erfolg. Fans von Betamax werden das sicher bestätigen. Aus vielerlei Gründen, die den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden, schaffte es TrueType GX nie, sich durchzusetzen, wenngleich die Technologie bis heute weiterlebt. So wird sie etwa für die Schriftart Skia von Matthew Carter verwendet, die seit 25 Jahren auf dem Mac geliefert wird.

Die Erneuerung und Erweiterung dieser revolutionären Technik hatte die Protagonisten bereits lange vor der Bekanntgabe im August auf der ATypI-Konferenz an einen Tisch gebracht. Mein Kollege Dave Opstad und ich gehörten glücklicherweise ebenfalls zu diesem Kreis und konnten unser Insiderwissen aus der Vergangenheit sowie unsere Erfahrung aus aktuellen Projekten zur Entwicklung von Font-Tools für Schriftdesigner und Fonthersteller bei Monotype beitragen. Neben der Zusammenarbeit mit Mike Reed hatte ich auch an der Entwicklung von Skia mitgearbeitet und die Schriftart Buffalo Gal erstellt, eine der ersten GX-Schriften für eine Entwickler-CD. Dave spielte zu dieser Zeit ebenfalls eine zentrale Rolle im Team von Apple. Er arbeitete an der Entwicklung des GX Line Layout Managers sowie an Apples Toolpaket für die Erstellung von Schriftvarianten.

Die Ankündigung von OpenType 1.8 ist zweifellos das Ergebnis einer bisher beispiellosen Zusammenarbeit in der Branche. Doch es gibt noch viel zu tun. Für eine erfolgreiche Umsetzung sind Updates für Betriebssysteme, Applikationen, Internetbrowser, CSS-Standards und viele weitere Details nötig. Wie viele andere Teilnehmer der Meetings und externe Unterstützer des Projekts bin ich jedoch zuversichtlich und glaube fest daran, dass variablen Fonts dieses Mal der Durchbruch gelingt.

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet Monotype mit allen zentralen Beteiligten eng zusammen: Gemeinsam mit Betriebssystementwicklern, Schriftdesignern und Font-Tool-Entwicklern wollen wir die richtige Infrastruktur bereitstellen, damit variable Fonts in Zukunft weltweiten Fortschritt ermöglichen.

Ursprünglich zielte die Technologie darauf ab, eine Serie von Schriftstilen in einer einzigen Datei zu verpacken. Doch es gibt weitaus faszinierendere Vorstellungen, variable Fonts zu nutzen: von optischen Größenvarianten über responsive Typografie bis hin zur Vereinheitlichung des Outputs auf mehreren Geräten durch Verwendung verschiedener Variationsstufen oder Strichstärken auf unterschiedlichen Plattformen.

Wir werden künftig über weitere Ideen und Ergebnisse zu diesem Thema berichten und freuen uns, wenn Sie wieder auf unserer Seite vorbeischauen. Wenn Sie Fragen haben oder uns mitteilen möchten, wie Sie variable Fonts in Ihrer Arbeit nutzen würden, schreiben Sie uns einfach unter @TrueTyper #VariableFonts

Über Tom Rickner

Seit fast 30 Jahren ist Tom Rickner im Font-Business zu Hause. In seiner Karriere hat er mit nahezu allen Facetten des Schriftdesigns und der Fontproduktion zu tun gehabt, von der Bitmap-Bearbeitung zu Beginn seiner Laufbahn bis hin zur Erstellung der ersten Multiple Master-Fonts für Adobe und TrueType-GX-Font-Varianten für Font Bureau und Apple. Bekannt ist er vor allem für das Font-Hinting der von Matthew Carter entwickelten Schriften Georgia, Verdana, Tahoma und Nina im Auftrag von Microsoft.

Ein absoluter Experte auf seinem Gebiet ist Tom Rickner jedoch vor allem an der Schnittstelle zwischen Design, Werkzeugen, Technologie und Fonts. Heute arbeitet er im Team von Monotype. Als Product Owner für Font-Tools konzipiert und leitet Rickner die Entwicklung neuer, besserer Werkzeuge und Prozesse − immer mit dem Ziel, die Arbeit von Schriftdesignern und Fontentwicklern zu erleichtern und die stets neuen Anforderungen optimal zu erfüllen. Tom Rickner spricht bei den TYPO Labs vom 6. bis 8. April in Berlin.