Von Offenbach nach London: Berthold Wolpes Monotype-Schriften

Als Sohn einer jüdischen Familie in Offenbach geboren, studierte Bernhard Wolpe bei Rudolf Koch und promovierte 1928 an der Kunstgewerbeschule in Offenbach. 1935 emigrierte Wolpe nach London. Dort entstanden die Buchumschläge für die Verlage Fanfare Press und Faber & Faber. Im Londoner Stadtteil »The City« sind bis heute alle Straßenschilder in Albertus® gesetzt. Wolpes bekanntesten Schriften hat Schriftenentwerfer Toshi Amagari für Monotype digital reinterpretiert.

 

Berthold Wolpe wurde 1905 in Offenbach geboren. Er wuchs in einer jüdischen Familie auf. Schon als 17-Jähriger lernte er Rudolf Koch kennen. Zu dem Zeitpunkt war Koch, der seit 1906 in Offenbach wohnte und arbeitete, einer der führenden Schriftentwerfer, -lehrer und -schreiber im Land. Nachdem Wolpe sein Abitur gemacht hatte, lernte er das Bronzegießen und – wie Koch selber – das Ziselieren. Später ergänzte er seine handwerklichen Fähigkeiten mit einer Lehre als Goldschmied. Während seiner Ausbildung nahm er an den Technischen Lehranstalten (heute: HfG Offenbach) am Unterricht im Schriftschreiben teil; dieser wurde von Koch organisiert.

1929 wurde Wolpe zum Lehrassistent Kochs. Zusätzlich unterrichtete er Schriftschreiben an der Kunstschule Frankfurt (heute: Städelschule). Koch machte Wolpe zum Mitglied der Offenbacher Werkstatt, einer Gruppe von jeweils ungefähr sechs seiner Schüler. In den Dachräumen des Schulgebäudes führte die Werkstatt angewandte Schriftaufträge unter Kochs Anleitung aus. Mehrere der bekannten Metall- und Gewebearbeiten Wolpes stammen aus dieser Zeit.

Nach der Machtergreifung 1933 wurde es für Wolpe eng. Koch setzte sich bei den neuen Machtinhabern für Wolpe ein, bis er 1934 starb. 1935 verlor Wolpe nicht nur seine Lehrerstellen; es wurde ihm zusätzlich untersagt, jeglicher Tätigkeit als Gestalter nachzugehen. Dank seiner Kontakte in England durfte er zusammen mit seiner Mutter und Schwester dorthin emigrieren. Wahrscheinlich retteten sie dadurch ihr Leben. Bis zu seinem Tod 1989 lebte und arbeitete Wolpe überwiegend in London. Vor allem seine Buchumschläge für die Verlage Fanfare Press und Faber & Faber machten ihn international bekannt. Für den letzteren Verlag war er mehr als 30 Jahre tätig.

Nach seiner Ankunft in England konzentrierte sich Wolpe zunächst auf das Entwerfen von Schriften. Binnen weniger Jahre brachte Monotype die Albertus®-Familie heraus. Wolpe erhielt bald weitere Aufträge, sowohl von Monotype als auch von Verlagen. Die damals produzierten Schriften wurden jetzt durch Toshi Omagari, einen japanischen Schriftgestalter, der im Londoner Büro von Monotype arbeitet, digital reinterpretiert.

Mit der neuen Wolpe Collection setzte sich Omagari nicht zum ersten Mal mit Schriften aus den 30er Jahren auseinander. 2013 erschien seine Metro Nova, ein getreues Revival der Metro-Schriften, die in den späten 1920er bis frühen 1930er Jahren von William Addison Dwiggins für Mergenthaler Linotype in Brooklyn entworfen wurden.

Das zugrunde liegende Design der ersten Schrift aus der Wolpe Collection dürfte viele Lesern schon bekannt sein: Albertus® Nova ist eine Reinterpretation der Albertus®, einer der meistverwendeteten Display-Schriften des letzten Jahrhunderts (nicht nur in Großbritannien). Leider war es in den 1930er und 1940er Jahren unter Designern weniger gängig, mehrere Schnitte derselben Schriftfamilie miteinander in einem Entwurf zu mischen; die verschiedenen Strichstärken bei Albertus® passten auf Grund ihrer unterschiedlichen Buchstabenproportionen nicht gut zueinander. Da die Gestaltung mit ganzen Schriftfamilien inzwischen der Normalfall ist, kommen die ursprünglichen Albertus®-Schriften heute weniger häufig vor als es vielleicht ihrem Entwurf gerecht würde. Omagaris Albertus® Nova Schriftfamilie bietet fünf zueinander passende Strichstärken an – hoffentlich für heutige Designer ein Ansporn.

Der Kriegsausbruch verhinderte eine Marketing-Kampagne, die der Pegasus™-Familie vielleicht eine ähnliche Bekanntheit eingebracht hätte, wie die Albertus®-Familie. Jetzt ist der Entwurf wieder erhältlich, besser ausgebaut als je zuvor.

Sowohl Wolpe Fanfare™ als auch Wolpe Tempest basieren auf älteren Schriften, die jeweils auf handgeschriebene Schriftzüge zurückgehen, die Wolpe bei seinen Buchumschlag-Entwürfen immer wieder verwendete. Beide Schriftfamilien bestehen ausschließlich aus Großbuchstaben. Wie bei Albertus® Nova hat Omagari Wolpe Fanfare™ und Wolpe Tempest mit griechischen und kyrillischen Buchstaben ergänzt.

Details über die Herkunft der Fanfare™- und Tempest-Familie sind an anderer Stellen dieser Webseite beschrieben, siehe Linkliste unter dem Beitrag.

Obwohl in den Jahren 1933–1935 viele gebrochene (= Fraktur-) Schriften auf dem Markt waren, weist die neueste Forschung darauf hin, dass einige dieser Schriften schon in den späten 1920er Jahren in der Produktionsvorbereitung waren. Vielleicht haben sie also eine Neubewertung verdient; auch Wolpes Auseinandersetzung mit dem Stil spricht eher gegen die Behauptung, eine spezifische Ideologie würde sich hinter dieser Schriftform verstecken. Kommen wir zur Sachsenwald™, einer vereinfachten gotischen Schrift.

Gegenüber manch anderen gebrochenenr Schriften wirkt das formelle Aussehen der Sachsenwald™-Familie wie geschriebener Text. Zum Beispiel sind die diagonalen Striche meist leicht gewölbt. Möglicherweise war Wolpe bei der Gestaltung der Sachsenwald von der Schrift »Offenbach« inspiriert, einem späten Entwurf seines früheren Meisters Rudolf Koch. Auch sie war eine modernisierte gotische Schrift mit geschriebenem Charakter.

Wolpe wurde in Großbritannien zu einem festen Bestandteil der typografischen »Community«. Alle Straßenschilder im Londoner Stadtteil »The City« sind in der Albertus® gesetzt. In fast keinem britischen Buch zur typografischen Geschichte, das zwischen den 1950er und 1980er Jahren verlegt wurde, fehlt es in der Danksagung an einem Hinweis auf Wolpe, sowohl wegen seinen Kenntnisse als auch wegen seiner Hilfsbereitschaft. 1980 veranlasste das Victoria & Albert Museum eine retrospektive Ausstellung seiner Arbeit. Auch offiziell wurde Wolpe geehrt, beispielsweise 1983 mit der Verleihung des Ordens »Officer of the Order of the British Empire«.

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