Das Paradox der Sprachen

 

In der digitalen und vernetzten Welt von heute ist es wichtiger denn je, überall und von jedem in allen Sprachen verstanden zu werden. Doch geht der Wunsch nach universeller Verständigung mit einem beunruhigenden Widerspruch einher: Wie können wir uns global austauschen, ohne unsere Sprache als das zentrale Merkmal unserer Identität aufzugeben?

 

Das Internet lässt die Grenzen zwischen unseren Gesellschaften und Kulturen zunehmend verschwinden. So trennt jemanden in London nur ein Klick von seinem Gegenüber in Tokio oder São Paulo.

Doch Millionen von Menschen, die Inhalte online konsumieren oder erstellen, erleben beim Formulieren ihrer Wünsche, Träume, Gedanken und Ziele in ihrer Muttersprache Probleme und Missverständnisse.Schlimmstenfalls kann dadurch eine so starke Nachfrage nach sprachlicher Homogenisierung entstehen, dass seltene Sprachen vom Aussterben bedroht sein könnten.

In diesem Bericht untersuchen The Future Laboratory und Monotype globale Entwicklungen, die den Bedarf an reibungslos funktionierender Gestaltung egal in welcher Sprache fördern. Auch stellen sie innovative Marken vor, die versuchen, das Paradox in puncto Sprachen und Übersetzung aufzulösen.

Die Weltbevölkerung von derzeit 7.3 Mrd. wird im Jahr 2100 voraussichtlich 11,2 Mrd. betragen.

Sprachlandschaft der Zukunft

In den letzten 30 Jahren hat die voranschreitende Globalisierung in noch nie dagewesenem Maße Kulturen und Nationalitäten zusammengewürfelt, vor allem online.

Untersuchungen des The Future Laboratory deuten darauf hin, dass durch zwei große, weltweite Trends ein virtueller Turm von Babel entstanden ist, in dem viele neue Sprachen und Alphabete versuchen, sich Gehör zu verschaffen. Daher ist die Nachfrage nach einer gemeinsam lesbaren Schrift so groß ´wie nie zuvor.

Das Kleine-Welt-Phänomen

Allein die Zahlen sprechen Bände. Leben derzeit noch 7,3 Milliarden Menschen auf der Erde, so sollen es im Jahr 2030 bereits 8,5 Milliarden und im Jahr 2050 9,7 Milliarden sein. Für das Jahr 2100 geht der neue UN-Bericht von einer Weltbevölkerung von sogar 11,2 Milliarden aus.1

Diese riesige Masse an Menschen setzt sich immer mehr in Bewegung – sowohl im Internet als auch in der realen Welt. Es war vor zehn Jahren noch unvorstellbar, wie Menschen heutzutage in ihrer Freizeit und bei der Arbeit im Internet zusammenfinden.

914
Millionen Menschen haben auf Social Media mindestens eine internationale Verbindung.

Laut britischer Bevölkerungsdaten werden heute in fast jedem Viertel Londons 100 Sprachen gesprochen. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Nielsen verzeichnet in den Vereinigten Staaten die Gruppe der Bürger mit multikulturellem Hintergrund – derzeit 120 Millionen Menschen – das stärkste Bevölkerungswachstum.2

2015 lebten 244 Millionen Menschen weltweit nicht in ihrem Geburtsland, so die UN.3

Diese Vermischung der Kulturen und Sprachen ist im Internet sogar noch ausgeprägter. Grenzüberschreitende Datenströme sind im letzten Jahrzehnt um das 45-fache gestiegen und werden nach Angaben von Wissenschaftlern des Magazins Harvard Business Review bis 2020 noch einmal um das Neunfache zunehmen.

360
Millionen Menschen nutzen grenzüberschreitenden
Onlinehandel.

Das Ergebnis: 914 Millionen Menschen haben mindestens eine internationale Verbindung auf Social Media. Und 360 Millionen Menschen nutzen grenzüberschreitenden Onlinehandel, so die Angaben des McKinsey Global Institute, das in der gleichen Studie zitiert wird.4

„Mit den rasanten Fortschritten in Technologie, Touristik und offenen Märkten während der letzten 20 Jahre hat sich weltweit auch eine zunehmend mobilere Gesellschaft entwickelt“, erklärt Yvonne McNulty, Gründerin des Think Tanks Expat Research.

„Je mehr Erfahrungen die Menschen durch Auslandsreisen oder einem Leben im Ausland sammeln, desto leichter fällt es ihnen, aus persönlichen oder wirtschaftlichen Gründen in einem neuen kulturellen Umfeld zu leben. Gleichzeitig erwarten sie auch, sich einfacher verständigen zu können.“

Grenzenlose Marken

Vor dem Hintergrund dieses Kultur- und Sprachenmixes experimentieren Designer und Kreative mit verschiedenen visuellen Zeichen, damit die immer globaler und zunehmend länderübergreifend aufgestellten Unternehmen und Marken in der Lage sind, mit den enorm unterschiedlichen Konsumenten ihrer Zielgruppe klar zu kommunizieren.

In fast jedem Viertel Londons werden heute
100
Sprachen gesprochen.

Restaurant Small World

Gemeinsam mit der Produktionsfirma „m ss ng p eces“ eröffnete der Onlinedienst Google Übersetzer das Pop-up Restaurant Small World und lieferte damit einen möglichen Ansatz für das Konzept der universellen Verständigung in unserer multikulturellen Welt.

Die Idee: Besucher des Lokals nutzten zum Lesen der Speisekarte die Google-Übersetzer-App auf ihrem Smartphone mit der Word-Lens-Funktion, die alle Wörter über die Handykamera in eine vom User festgelegte Sprache übersetzt.

Je nach Nationalität der Bedienung konnten die Gäste ihre Bestellung auch über die Sprachübersetzer-Funktion der App aufgeben. Das Personal unterhielt sich mit den Restaurantbesuchern auf Französisch, Norwegisch, Koreanisch, Indonesisch, Portugiesisch, Spanisch und Hebräisch.

"M ss ng p eces" designed the environmental visual elements of the project to provide visitors with further opportunities to explore different languages and their cultures using the Google Translate app.

Für die visuelle Gestaltung des Projekts entwarf „m ss ng p eces“ optische Elemente, die Besuchern neue Wege aufzeigten, die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen mit der App Google Übersetzer zu entdecken.

So überzogen Wörter und Sätze in verschiedenen Sprachen die gesamte Restaurantfassade und gaben ihr einen lässigen Look, der an Graffiti erinnerte. Die Agentur gestaltete außerdem grafisch inspirierte Poster mit ebenfalls mehrsprachigen Slogans, die mit der Word-Lens-Funktion von Google Übersetzer gelesen werden konnten.

Narita Int. Airport – Terminal 3

Im Terminal 3 des Flughafens Tokio-Narita fuhr man eine andere Strategie. Die japanische Kreativagentur PARTY verzichtete bei der Modernisierung des Gebäudes für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio komplett auf geschriebene Sprache.

Das neue Terminal ist von Indoor-Laufbahnen inspiriert, die Besuchern durch Anwendung unterschiedlicher Farben und einfacher Grafiken den Weg leiten, sodass sie sich ohne Sprachbarrieren im Flughafengebäude zurechtfinden.

Natürlich ist es legitim, der Nachfrage nach universeller Verständigung mit digitalen Übersetzungstechnologien zu begegnen oder ausschließlich auf grafische Symbole für eine reibungslose Kommunikation zu setzen.

Beide Herangehensweisen zeigen jedoch die grundlegende Herausforderung auf, die der Wirtschaftswissenschaftler, Sprecher, Autor und Experte für globale Strategien Pankaj Ghemawat als „World 3.0“ bezeichnet: der Kampf gegen eine Globalisierungswelle, die triste, kulturelle Homogenität schaffen könnte.

„Wir dürfen keine Lösungen suchen, die die einzigartigen Merkmale unserer Sprache oder Kultur ausbügeln. Die Grenzen zu anderen Ländern und die Grenzen zwischen ihnen sind wichtig“, so Ghemawat. „Kulturelle Traditionen zu respektieren und zu pflegen birgt enormes Potenzial für Marken.“

„Kulturelle Traditionen zu respektieren und zu pflegen birgt enormes Potenzial für Marken.“

Komplette Schriftsysteme

Designer reiten auf der Globalisierungswelle mit, die derzeit von Trends wie dem Kleine-Welt-Phänomen und grenzenlosen Marken angetrieben wird. Sie suchen nach einer Art Rosetta Stone (US-Softwarefirma für Sprachenlernprogramme) des Internets – nach einer Schrift für universelle Übersetzungen, die gleichzeitig die Sprachenvielfalt aufrechterhält.

Einige spannende Projekte haben dieses heikle Thema bereits angepackt. Unter dem Titel „Behaving Kinetic Typography“ beschäftigte sich Mobius Studio im zweisprachigen Dubai zum Beispiel mit kinetischer Typografie. Dabei wurden Buchstaben aus dem arabischen und englischen Alphabet entworfen, die unter Einfluss bestimmter Bewegungen die gleiche Bedeutung haben sollten.

Um den Buchstaben einen wandelbaren, fließenden Ausdruck zu verleihen, untersuchte Mobius Studio, wie unterschiedliche Materialien auf verschiedene Reize wie Hitze und Wasser reagierten.

Bei der Dutch Design Week 2015 präsentierte der autistische Designer Jaap Knevel mit „Hello World“ ein einzigartiges Zeichenset für die Wiedergabe von Wortbedeutungen. Das ehrgeizige Ziel dieses Projekts war die Gestaltung eines allgemeingültigen Schriftsystems.

Dafür ließ Knevel Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ihre persönliche Interpretation verschiedener Wörter zeichnen und setzte diese Bilder mithilfe einer eigens entwickelten Software in Schrift um.

Inzwischen hilft eine Reihe neuer Geräte, Apps und designorientierter Lernsoftware, Sprachbarrieren abzubauen und das Verständnis zu fördern. Dazu zählen etwa die neue Übersetzungsanwendung von Google für Android und iOS oder „Chineasy“, eine Lernmethode, die chinesische Schriftzeichen mit einer visuellen Darstellung der Wortbedeutung kombiniert.

Die bisher vielleicht vielversprechendste Lösung ist jedoch die neue Schrift Noto Sans, die Fontanbieter Monotype mit Kollegen bei Google entwickelt hat.

Dies entwickelte sich zu einem wahren Mammutprojekt. Die Herausforderung für das Team bestand darin, eine einzige Schrift zu entwickeln, die über 100 Schriftsysteme für mehr als 800 Sprachen bedienen sollte, jede von ihnen mit eigenen kulturellen Bedeutungen und Feinheiten, Arten der Flexion und Akzenten.

Bisher werden wenig verbreitete Schriftzeichen seltener Sprachen als weiße Kästchen – auch als Tofu bezeichnet – auf dem Bildschirm dargestellt.

Fire by Chineasy
Zeichen für Feuer – Chineasy

Mit schwerwiegenden Folgen. Vieles deutet darauf hin, dass Sprecher seltener Sprachen dazu tendieren, Schriftsprachen zu verwenden, die weiter verbreitet sind, um so einfacher im Internet kommunizieren zu können. Damit erhöhen sie jedoch das Risiko, ihre eigenen Traditionen in den kommenden Jahrzehnten aussterben zu lassen.

„Wir wussten, dass wir etwas dagegen unternehmen wollten“, sagte Mansour von Monotype. „Unser [oberstes] Ziel besteht darin, diese Gemeinschaften zu unterstützen, die ansonsten auf ein digitales Kulturerbe verzichten müssten.“

Eine gigantische Aufgabe, wenn man bedenkt, dass dafür Linguisten und Sprecher der seltensten Sprachen und Schriften ins Boot geholt werden mussten! Sie stellten sicher, dass das Team lesbare, natürlich wirkende und originalgetreue Zeichensätze entwarf.

In einigen Fällen waren sogar Forschungsreisen in entlegene Winkel der Erde notwendig – so zum Beispiel in ein tibetanisches Kloster in Japan – um Sprecher unbekannter Sprachen ausfindig zu machen. „Das war ein ziemlich internationales Unterfangen“, meint Bob Jung, Leiter des Teams Internationalisierung bei Google.

Letztendlich führte die gemeinsame Vision dieser Aufgabe dazu, dass das Team die Entwicklung von Noto Sans – Noto steht übrigens für „No Tofu“ – vorantrieb. Mit dem Ziel, eine Schrift mit einer einzigen Datei für alle Schriftsysteme im Unicode-Standard zu entwerfen.

Für Sprachen, die drohten, in die digitale Vergessenheit zu geraten, weil nur wenige Menschen sie schriftlich beherrschen oder sie aus Kulturen stammen, die technologisch bisher wenig fortgeschritten sind, bedeutet die Schrift ein Rettungsanker für die Zukunft.

„Es ist wie ein Blick in die digitale Kommunikation von morgen“, sagt Steve Matteson, Creative Type Director bei Monotype. „Google Noto wird künftig DER Schriftentwurf für Menschen sein, die kultur- und gesellschaftsübergreifend kommunizieren wollen. Er trägt dazu bei, Kulturgut zu bewahren und gleichzeitig kulturelle Hürden abzubauen.“

Mansour von Monotype fügt hinzu: „Ich möchte, dass die Menschen in der Lage sind, ihre Traditionen fortzuschreiben, egal ob von Hand oder digital. Wobei es von Hand derzeit jedem möglich ist. Wir wollen jedoch erreichen, dass in der nächsten Generation jeder gleichermaßen Zugang zu den digitalen Tools hat.“

Zusammenfassung

Unsere Muttersprache ist ein entscheidendes Identitätsmerkmal. Sie verbindet uns mit Familie und Freunden und vermittelt uns ein Gefühl der Zugehörigkeit zu unserer Kultur und zu dem Land, in dem wir geboren wurden.

Unsere vernetzte Welt bietet uns heute faszinierende neue Kontakte weltweit und eröffnet uns zahlreiche Chancen und Möglichkeiten, sowohl beruflich als auch auf persönlicher Ebene. Gleichzeitig stellt sie eine häufig verkannte Gefahr dar für die Zukunft unserer Sprachen und schriftlichen Überlieferungen – Werte, die hunderten Millionen Menschen eine klare Orientierung geben, wo ihr Platz in der Gesellschaft und in ihrer Welt ist.

In den kommenden zehn Jahren werden Designer eine führende Rolle bei der Entwicklung noch eleganterer und anspruchsvollerer Ansätze übernehmen, um das Paradox der Sprachen zu lösen und sicherzustellen, dass neue Technologien wie virtuelle und erweiterte Realität uns Kommunikation und Verständigung ermöglichen, ohne das Kernelement unserer Identität aufgeben zu müssen: unsere Sprache.

Sources

  1. World Population Prospects: The 2015 Revision - UN
  2. UK Census 2011 ONS, and The Multicultural Edge: Rising Super Consumers - Nielsen
  3. Trends in International Migrant Stock: The 2015 Revision - UN
  4. Article - Globalization Is Becoming More About Data and Less About Stuff - Harvard Business Review