Teil 2: von TrueType GX zu variablen Fonts

Im ersten Beitrag blickt Fonttechnik-Experte Tom Rickner auf 25 Jahre Schriftdesign-Geschichte und die Ereignisse zurück, die zur Bekanntgabe von OpenType 1.8 führten. Im zweiten Teil beleuchtet er die Nutzungspotenziale für Designer und Entwickler und stellt den ersten Prototypen eines variablen Fonts aus dem Hause Monotype vor.

Bis das Ziel OpenType 1.8 erreicht ist, liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns. Arbeit für viele Kollegen und Unternehmen wie Google, Adobe, Microsoft und Apple, denn einige Voraussetzungen sind noch nicht erfüllt:

  • Betriebssysteme müssen erweitert werden, um neu definierte Datenstrukturen zu unterstützen
  • Anwendungsentwickler müssen Benutzeroberflächen für die Auswahl variabler Schriftdesigns programmieren
  • CSS-Standards müssen erweitert werden, um verschiedene Schnitte von variablen Fonts bestimmen zu können
  • Entwickler von Font-Werkzeugen müssen ihre Tools für die Ausgabe von variablen Fonts updaten
  • Die entsprechenden Schriften müssen von Designern und Fontentwicklern gestaltet werden
  • Anbieter müssen die variablen Fonts verfügbar machen

Kein Zweifel: Es gibt noch viel zu tun, bis sich die Arbeitsabläufe künftig ändern werden.

Die Zukunft mit variablen Fonts

Variable Fonts werden Designern und Usern in Zukunft Unmengen neuer Möglichkeiten bieten. Noch haben wir nicht alle Anwendungsfälle abgesteckt. Mit einigen Möglichkeiten setzen wir uns im Zuge der Entwicklung dieses neuen Formats jedoch schon näher auseinander.

Vereinfachte Auslieferung großer Schriftfamilien

Weniger Dateien machen auch weniger Probleme. Das gilt vor allem für IT-Systemadministratoren mit der Aufgabe, neue Schriften im Unternehmen einzuführen. Ein einziger variabler Font kann sowohl kleine Schriftfamilien zum Beispiel mit zwei verschiedenen Strichstärken ersetzen, als auch große Schriftbilder mit mehreren Designachsen wie Strichstärke, Breite, optische Größe usw. Egal ob 5, 10 oder 50 Schriftstile – solange sich unterschiedliche Schnitte mit ähnlichen Punktstrukturen beschreiben lassen, können sie wahrscheinlich als variabler Font generiert werden. So müssen weniger Dateien bereitgestellt und installiert werden.

Komprimierung

Wenn viele Schriftstilvarianten in eine Datei verpackt werden können, bedeutet das auch eine deutliche Datenkomprimierung der Schriftfamilien. Mehr dazu lesen Sie hier demnächst in weiteren Beiträgen. Zunächst einmal nur soviel: Je mehr Schriftschnitte zu einem variablen Font ergänzt werden, desto geringer wird die Datenmenge pro Schnitt. Ein Beispiel: Die folgende Grafik zeigt die Größe einer kleinen Test-Schriftfamilie in Bytes – einmal als einzelne TrueType-Fonts sowie im Vergleich als variabler TrueType-Font aus den gleichen Einzel-TTFs.

Je mehr Schriftschnitte hinzugefügt werden, desto stärker reduziert sich prozentual gesehen die Datenmenge verglichen mit der Gesamtgröße von „statischen“ Fonts. Tatsächlich ist die Komprimierung sogar viel größer, als in der Grafik dargestellt, da die hier abgebildeten Zahlen nur die gespeicherten Schriftstile reflektieren. Meistens bestehen große Schriftfamilien jedoch aus vielen Varianten, die durch Interpolation der vordefinierten Schnitte generiert werden. Unser Beispiel umfasst zwölf Fonts, mit denen wir acht Stärken, drei Breiten und zwei Schriftlagen (aufrecht versus kursiv) generieren können. Insgesamt also 48 unterschiedliche Schriftschnitte in einem einzigen variablen TrueType Font.

Während diese 48 TTFs sonst etwa 555 KB beansprucht hätten, können sie nun in nur einem variablen TTF mit gerade einmal 66 KB ausgegeben werden.

Das entspricht einer Komprimierung der Dateigröße von rund 88 %. Natürlich hängt das Einsparpotenzial stark von der Größe des Zeichensets, der Komplexität und Feinheiten des Designs, der Anzahl der Achsen sowie den Design-Zwischenstufen ab. Jedoch gibt das Beispiel eine realistische Einschätzung, inwieweit variable Fonts die Datenmenge vieler Schriftfamilien verringern können.

Mehr Möglichkeiten zur Bestimmung von Feinheiten

Zu Beginn des Zeitalters der digitalen Schriften standen kaum mehr als vier verschiedene Schriftschnitte zur Auswahl: Normal, kursiv, fett und fett kursiv. Mit der Entwicklung größerer Schriftfamilien standen den Nutzern weitere Strichstärken und manchmal zusätzliche Breiten zur Verfügung. Doch erst die Interpolation von Schriften ermöglichte es Fontdesignern, große Schriftfamilien mit einer Vielzahl von Stilvarianten zu entwickeln – und das einfacher denn je. Heute steht Nutzern bereits eine größere Auswahl an Schriftschnitten zur Verfügung. Und doch gibt es Situationen, in denen man den Font eben nur ein bisschen fetter oder ein klein wenig schmaler einstellen möchte.

Variable Fonts machen genau das möglich. Vorausgesetzt die Anwendung verfügt über eine entsprechende Benutzeroberfläche für die Auswahl beliebiger Zwischenstufen innerhalb des möglichen Designspektrums. Ein verbreitetes Bedienelement ist bislang der Schieberegler, ähnlich wie der Regler eines Mischpults. Mit dem Schieber kann der User einen beliebigen Wert auf der Designachse auswählen. So ist es möglich, zunächst eine genannte Variante des Designs zu bestimmen, etwa schmal und halbfett, und in einem zweiten Schritt „feinzuschleifen“, also beispielsweise die Schrift ein bisschen breiter oder eine Spur fetter einzustellen.


Responsive Typografie

Mehr als 500 Jahre lang gestalteten wir Texte für den Druck. Doch seit Beginn des Desktop-Publishing und der Einführung skalierbarer Outline-Schriftformaten wie TrueType, PostScript und OpenType sind Textdesigns nicht mehr nur für den Druck bestimmt – wir gestalten auch für den Bildschirm. Und der kann je nach Gerät riesige Unterschiede aufweisen. Vorbei sind die Zeiten von entweder 72- oder 96-dpi-Designs. Vorbei sind auch die Zeiten einheitlicher Bildschirmauflösungen von 640 x 480 oder 800 x 600. Heute gibt es so viele Geräte mit zunehmend verschiedenen Eigenschaften und Auflösungen, dass Layouts für „den Bildschirm“ unglaublich anpassungsfähig sein müssen – eine Voraussetzung, die in den ersten 500 Jahren der Typografiegeschichte überhaupt keine Rolle spielte.

Responsive Typografie beschreibt die dynamische und responsive Anordnung von Text, Grafiken und anderen Medien innerhalb der physisch vorgegebenen Grenzen eines bestimmten Geräts, auf dem die Schrift dargestellt wird. So sind Merkmale wie Punktgröße, Durchschuss oder Zeilenlänge je nach Bildschirm variabel. Für eine optimale Lesbarkeit können verschiedene Eigenschaften auch in ganz feinen, aber höchsteffektiven Details angepasst werden. Ein etwas schmalerer Schriftschnitt reduziert zum Beispiel unschöne Silbentrennungen und Blocksatz. Und durch die Verwendung einer etwas breiteren Schriftvariante für die Überschrift kann in einer Blocksatz-Spalte auch die Headline bündig abschließen. Auf diese Weise muss keine größere Punktgröße gewählt werden, die vielleicht in der Höhe zu viel Raum eingenommen hätte.

Anpassungsfähige, variable Fonts allein reichen jedoch nicht, um responsive Typografie wahr werden zu lassen. Vielmehr erfordert ein besseres Nutzererlebnis weitere Optimierungen in puncto Autoren- und Anzeigeumgebungen.


Optische Größen

Vor Einführung des Fotosatzes wurden einzelne Schriftarten in der Regel in unterschiedlichen Mustergrößen angelegt. So änderten sich grundlegende Eigenschaften wie Laufweite, Kontrast und Detaillierungsgrad mit der Auswahl der Punktgröße. Bei kleineren Schriftgrößen sind beispielsweise offenere Punzen und positive Laufweitenveränderungen vorteilhaft sowie eventuell eine größere x-Höhe. Außerdem verbessert sich die Abbildung durch einen weniger starken Kontrast und die Verdickung feiner Details wie Serifen. Große Schriften hingegen können einen stärkeren Kontrast, feinere Details und Laufweiten vertragen.


Mit der Einführung des Fotosatzes verwendete man schließlich eine einzige Schriftschablone für die einzelnen Buchstaben und passte die Schriftgröße mithilfe eines Linsensystems linear an. Als die Schablonen oder auch die Zeichnungen von Bleisatz-Schriften für die ersten Webfonts digitalisiert wurden, verwendeten Schriftgießereien in der Regel Größenvorlagen wie 12 Punkt. Bis auf möglicherweise eine zusätzliche Variante für den Bildschirm, wurden mit dieser digitalen Kontur alle Schriftgrößen dargestellt. 

Etwas Entscheidendes ging verloren: größenspezifische Schriften, die bestimmte Eigenschaften des Designs anpassten, um ein perfektes Schriftbild und bestmögliche Lesbarkeit zu erreichen.

OpenType 1.8 hingegen verwendet eine definierte Designachse mit der Bezeichnung „opsz“ zur Einstellung der optischen Größe. Hier gilt jedoch das Gleiche wie bei der responsiven Typografie: Zunächst müssen Betriebssysteme und Anwendungen entsprechend ausgerüstet sein, damit diese Funktion automatisch und reibungslos ausgeführt werden kann.

Jetzt probieren: variabler Kairos Sans Font

Mit unseren Font-Produkten wollen wir Entwicklern, Webdesignern und Verlegern echten Mehrwert bieten. Daher orientieren wir uns in großem Maße an den Bedürfnissen unserer Kunden. Ab sofort stellen wir Beispielfonts zur Verfügung, die Sie für Ihre Arbeit nutzen und ausprobieren können. Überzeugen Sie sich von den Vorteilen variabler Fonts.

Unser erster Font ist ein Prototyp der Schriftfamilie Kairos Sans von Terrance Weinzierl, erhältlich bei GitHub. Das Besondere an diesem Font ist die Kursivachse als Ergänzung zu den sonst eher verbreiteten Designachsen für Strichstärke und Breite. Aufrechte und kursive Schriftstile lassen sich bei diesem Font gut zusammen speichern, da die kursiven in den meisten Fällen lediglich schräg gestellte Schriften sind. Wir sind gespannt zu erfahren, ob und wenn ja welche Vorteile die Nutzer in der Verfügbarkeit unterschiedlicher Schriftlagen sehen.

Sie möchten testen? Gerne!

Ihr Feedback hilft uns bei der Entwicklung weiterer variabler Fonts, an denen wir derzeit arbeiten. Daher freuen wir uns, wenn Sie selbst testen möchten und so die Next Steps in der Entwicklung digitaler Schriften und der Typografie mitgestalten. Schreiben Sie mir dazu einfach unter @TrueTyper #VariableFonts