Die Neue Kabel®: Ein Klassiker wird frisch gestaltet

Mit einer neuen Version der Kabel® wurde die klassische geometrische Serifenlose der 1920er modernisiert. Als eine Hommage an die ursprünglichen Absichten des Designers Rudolf Koch wurde auf archivierte Zeichnungen zurückgegriffen und die Schriftart für die moderne Nutzung neu gestaltet. Neu hinzu kommen die lang verlorenen Kursivbuchstaben und die fehlenden Glyphen – heute notwendig für Redaktionen und Branding. Der kurze Dokumentarfilm (10 Minuten, oben) von Entwerfer Marc Schütz zeigt die Entstehung der neuen Font-Familie.

Es gehört einiges dazu, die Wiederbelebung der Kabel-Schrift zu planen. Wo fängt man an, wenn so viele verschiedene Versionen einer Schriftfamilie entstanden sind, um sich neuen Technologien und Anforderungen anzupassen? Um die Neue Kabel zu gestalten, bezog Marc Schütz die gesamte 90-jährige Geschichte mit ein. Er griff nicht nur auf den ersten Entwurf zurück, sondern ebenso auf die darauf folgenden Versionen. Ziel war es, das wiederzuentdecken, was das Design im Kern ausmacht und definiert.

Die ursprüngliche Kabel®, die von Rudolf Koch im Jahr 1927 für die Schriftgießerei Gebrüder Klingspor entwickelt wurde, ist ein ungewöhnliches Design. Kochs Portfolio umfasste hauptsächlich gebrochene Schriften, meist im Rotunda- oder Fraktur-Stil, aber auch Serifenschriften. Vor dem Jahr 1927 hatte Koch noch nie eine Serifenlose entworfen. In einer dem Designer gewidmeten Ausgabe eines Magazins wurde Koch jedoch folgendermaßen zitiert: „Es war sehr verlockend, eine Schrift mit Zirkel und Lineal zu entwerfen.“ 1

Die Kabel® ist eindeutig eine Schrift ihrer Zeit. Es wurden noch zahlreiche weitere geometrische Serifenlose in den späten 1920ern und frühen 1930ern gestaltet. Sie trägt jedoch ohne Zweifel die Handschrift Kochs, was sich ganz besonders an den Buchstaben »a«, »e« und »g« erkennen lässt. Beachten Sie, dass der Kopf des »a« ungewöhnlich nah am Stamm abgeschnitten ist.

Weitere auffällige Eigenschaften sind die diagonalen Abschlüsse und die abgeschrägten Waagerechte sowie die diagonal abgeschnittenen Beine in K und R. Im Gegensatz zu fast allen geometrischer Grotesken der damaligen Zeit verliehen diese Eigenschaften der Kabel® eine außergewöhnliche Lebhaftigkeit. In manchen Fällen wies das Design sogar einige visuelle Eigenarten auf – wahrscheinlich insbesondere im Englischen, in dem die seltsame Breite des »w« neben dem »h« besonders deutlich wird.

Während viele deutsche Schriftentwerfer Kochs Gebrochene und Serifenschriften bewunderten und studierten, blieb die Kabel® von ihnen weitestgehend unbemerkt 2. Wie viele ihrer geometrischen Zeitgenossen verschwand die Kabel® schließlich in den 1930ern. Im Jahr 1944 brach eine Katastrophe über die Schriftgießerei Klingspor herein. Während der Luftangriffe auf Frankfurt wurde sie stark beschädigt. Viele ihrer Archive gingen verloren und im Jahr 1956 wurden die meisten ihrer Schriften von der ebenfalls in Frankfurt ansässigen Schriftgießerei D. Stempel AG erworben. Dies betraf auch die Rechte an der Kabel. Dann folgte das Zeitalter des Fotosatzes.

Diese neue Technologie ermöglichte es, sehr einfach nicht-lizenzierte Kopien von Schriften zu erstellen. Auch die Kabel fiel dieser Piraterie unweigerlich zum Opfer. Cable, Kabell und Kabello sind nur ein paar der zahlreichen Schriften, die von verschiedenen Fotosatzunternehmen als Kabel-Kopie herausgebracht wurden 3. Oft wurde behauptet, dass diese Imitationen das Original verbessern würden, obwohl sie letztlich die entscheidenden Eigenschaften des Designs entfernten oder neue, nutzlose Bestandteile hinzufügten.

Jedoch rief die neue Technologie auch eine frische Interpretation der Kabel® hervor. Victor Caruso entwarf diese mit einer Sonderlizenz von Stempel im Jahr 1975 für die International Typeface Corporation (ITC). Das Design sollte so wirken, wie Koch möglicherweise selbst die Buchstaben gestaltet hätte, wenn damals schon der Fotosatz zur Verfügung gestanden wäre. Die Version enthielt bedeutende Änderungen der Proportionen und der Mittellänge – die am besten im Kontext der Vorlieben des Grafikdesigns und der Werbung in den USA der 1970er Jahre betrachtet werden sollten.

Im Jahr 2013 war die Zeit reif für eine erneute, umfassendere Wiederbelebung der Kabel®. Dieses Mal sollte sie die ursprünglichen Absichten des Designers widerspiegeln. Studenten der Hochschule für Gestaltung Offenbach benötigten eine Schrift für ihr Jahrbuch, die die lange Geschichte der Hochschule ausdrücken sollte. Koch entwarf damals die Kabel, während er an der Hochschule lehrte. Dieses Design erschien damit eine passende Wahl. Der Designer und frühere Dozent Marc Schütz übernahm die Aufgabe, zwei neue Schnitte zu gestalten: einen für die Buchtypografie und langes Lesen und eine Kursive. Zunächst zeichnete er nur die Buchstaben, die im Jahrbuch gebraucht wurden. Doch diese Arbeit wurde der Auslöser für eine komplette Wiederbelebung.

Schütz kehrte zu den Klingspor-Archiven zurück, um zu untersuchen, warum die ursprünglichen kursiven Schnitte von Koch nie für den Fotosatz übernommen wurden. Er war überrascht, dass er das ursprüngliche Design in besserem Zustand vorfand als die verfügbaren digitalen Schriften. Dies war eine gute Möglichkeit, entscheidende Eigenschaften wiederherzustellen, historische Merkmale zu bewahren und gleichzeitig das Design für die moderne Nutzung aufzufrischen.

Schütz untersuchte nicht nur die ursprünglichen Zeichnungen, er nahm auch die ITC-Versionen der Kabel® und die Fotosatz-Version von Caruso unter die Lupe. Er entdeckte so die individuellen Feinheiten jedes Designers.

Schütz entwarf die neue Kabel® mit einem zusammenhängenden System von Schriftschnitten, von thin bis black. Jeder Schriftschnitt umfasst die langersehnten Kursiven und die davor noch nicht vorhandenen Kapitälchen. In Originalzeichnungen fand er bei den Größen ein Verhältnis, das irgendwo zwischen der Version von ITC und der von der ursprünglichen Kabel angesiedelt war. Damit verbesserte er die Lesbarkeit. Auch erweiterte er die Glyphen-Palette hinsichtlich Akzenten und besonderen Buchstaben für verschiedene Sprachen. Die Neue Kabel umfasst sieben Ziffernsätze, darunter Tabellenziffern und Mediävalziffern für lange Texte.

Mit der Neuen Kabel könnte man ein Lexikon setzen. Oder eine Doktorarbeit. Die Idee gefällt mir. – Marc Schütz, Entwerfer Neue Kabel

Die Nutzer können auch zwischen der runden Interpunktion von Schütz oder der Diamanten-Form des Originals wählen. Alle historischen Alternativen der ursprünglichen Kabel® von Klingspor sind erhalten geblieben und in die neue Schrift mit eingeflossen. So können sich die Nutzer in typografischer Hinsicht in das Jahr 1927 zurückversetzen.

Das Design von Rudolf Koch ist ikonisch, doch bis jetzt konnte noch keiner seiner digitalen Erben in dessen Fußstapfen treten. Schütz gelang es, die Eigenschaften der Vergangenheit mit denen der Gegenwart zu verbinden und eine Schriftart zu kreieren, die die heutigen typografischen Anforderungen und Erwartungen erfüllt und Redaktionen und Unternehmen eine große Anwendungsflexibilität bietet.

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1 Julius Rodenberger: Der Schriftkünstler Rudolf Koch, in: Graphische Nachrichten, Ausgabe 13, Nr. 6, Berlin 1934, S. 272

2 Aus einem Gespräch mit Gudrun Zapf-von Hesse in Darmstadt, 27. Sept. 2016

3 Alphabet Innovations Collection, Ausgabe 7, Dallas 1972, S. 6 f.

* basierend auf einem Artikel von Ferdinand Ulrich, veröffentlicht auf fontshop.com